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Kurzstrecken (100 m, 200 m) Männer (Teil 1)
Der Kurzstreckenlauf (Sprint) faszinierte von jeher die Massen. Sprinterasse von Weltformat waren und sind berühmt wie Fernseh- und Filmstars. Wenn der 100-m-Startschuss knallt, springt der Funke von der Pistole auf die Zuschauer förmlich über. In hektischer Erregung erhebt man sich auf den Tribünen von den Sitzen, um ja keine Phase zu versäumen. In knapp zehn Sekunden ist alles vorbei. In dieser kurzen Zeit stürzt für manchen Athleten oder nervösen Leichtathletikfan eine Welt ein. Fieberhaft erwartete man in den sechziger Jahren die Traumresultate. Wer würde 100 m zuerst unter 10,0 Sekunden laufen? Wer würde die Schallmauer über 100 Yards (91,44m) durchbrechen und eine Zeit unter 9,0 Sekunden schaffen? Wer würde der Sprinter sein, der bei einem 200-m-Rennen unter 20,0 Sekunden bliebe?
Drei Mauern, am denen sich Generationen von Sprintern die Köpfe einrannten und es zum Teil heute noch tun.
Noch ist die menschliche Leistungsgrenze im Kurzstreckenlauf nicht erreicht. Der Kampf um die entscheidende Zehntelsekunde wird von Jahr zu Jahr härter - und spannender. Sensationen und Enttäuschungen wechseln einander ab.
Amerikas Sprintwunder Jesse Owens galt ein Jahrzehnt als das Nonplusultra. Neue Sprintersterne folgten ihm und waren auf allen drei Distanzen, über 100 Yards, 100 m, und 200 m (220 y), um mehrere Meter schneller als der triumphale vierfache Olympiasieger von 1936 in Berlin. Owens war nicht die Endstation, wie man damals glaubte. Auch die heutigen Weltrekordinhaber sind es nicht.
Nur eines hatte Jesse Owens bis zum heutigen Tag allen „Hurrikanen" der Aschenbahn voraus:
Er war der vielseitigste, gewann vier Goldmedaillen auf einen Schlag (Carl Lewis egalisierte diese Leistung 48 Jahre später bei den Olympischen Spielen 1984) und hatte einen Tag, „The day of the days", wie die Amerikaner sagen, wie er wohl mit seinen phänomenalen Resultaten in der Geschichte des Sprints nie wiederkehren wird.
Am 25. Mai 1935 verbesserte oder egalisierte Owens innerhalb von nur 45 Minuten sechs Weltrekorde, davon fünf in den Läufen. Das alles zusammen und vieles mehr stempelt ihn noch immer zum größten Leichtathleten unseres Jahrhunderts. Er ist der Größte, schrie es aber nie hinaus. Das spricht für die menschlichen Qualitäten dieses Athleten.
Heiß brennt die Sonne an diesem 25. Mai 1935 auf Ann Arbor nieder, einer Stadt in der Nähe von Detroit. Die Leichtathletikelite Amerikas misst beim traditionellen Meeting „Big Ten" auf dem Sportplatz der Universität Michigan die Kräfte. Trainer Larry Snyder vom Ohio State College hat Sorgen. Sein bestes Pferd im Stall, ein gewisser James Cleveland Owens war Tage vorher eine Treppe hinuntergestürzt und hatte dich dabei einen Rückenmuskel gezerrt.
„Jesse, ich glaube, es hat keinen Zweck, du startest nicht." Der wohlproportionierte Athlet aus Alabama, 21 Jahre alt, grinst: „Die Wärme tut mir gut, es wird schon gehen."
Owens startet. Er startet zum größten Coup seiner viel zu kurzen Karriere. Es ist 15:15 Uh. Der Starter ruft zum 100-Yards-Lauf. Owens beginnt das Rennen etwas vorsichtig, liegt bald klar vorn, läuft gazellenhaft leicht und gelöst und egalisiert mit 9,4 Sekunden die Weltrekordzeit seines Landsmannes Frank Wykoff. Das war der erste Streich. Owens wird zur Weitsprunggrube gerufen. Bei acht Meter legt er ein Handtuch in die Grube. Diese Marke will er packen. Es ist 15:25 Uhr. Der kräftige Student sprintet wie wild auf den Weitsprungbalken zu. Absprung, ein sensationeller Satz - 8,13 Meter. Neuer phantastischer Weltrekord - und das gleich im ersten Versuch. Die Menge jauchzt. Jesse hat keine Zeit zum Feier. Er verzichtet auf weitere Sprünge und eilt schon zum Startplatz des 220-Yards-Laufes. Bereits um 15:34 Uhr knallt der Startschuss. Owens sprintet wie besessen. Vergessen sind die Schmerzen und Stiche im Rücken. Er feiert die Feste, wie sie fallen. So ein Tag kommt so leicht nicht wieder. 20,3 Sekunden zeigen die Stoppuhren. Der dritte (und vierte über 200 m) Weltrekord ist sein eigen. Die Menge tobt und verlangt stürmische eine Ehrenrunde. Owens winkt lächelnd ab. Noch steht das Rennen über 220 Yards Hürden aus. Bereits um 16 Uhr ist es soweit. Der junge Mann aus Cleveland stürmt über die Bahn, als ständen da gar keine Hürden. 22,6 Sekunden! Der fünfte und sechste Weltrekord (für 200 m Hürden) ist gebrochen. Alles an einem Tag, an einem Nachmittag - nach genau 46 Minuten.
Jesse Owens erinnert sich: „Mir ist das heute noch nicht alles klar, was da mit mir an diesem Tage los war." Trainer Snyder schüttelte den Kopf. „Alles ist mir ein Rätsel." Zurück blieb für Owens ein Muskelkater, wie er ihn noch nie gehabt hatte.
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