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Kurzstrecke (100 m, 200 m) Männer (Teil 3)
Nach dem ersten Weltkrieg tauchte der erste amerikanische Wunderknabe in der Gestalt des Milchgesichts Charly W. Paddock auf, der im Kriege mit 18 Jahren Artillerieleutnant gewesen war. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie. Der Vater war Leichtathlet und Footballspieler, die hübsche Muter dagegen kümmerte sich nur um den Kochtopf. Paddock, intelligent, beliebt und populär, wurde 1920 in Antwerpen Olympiasieger über 100 m, holte sich noch eine Goldene in der Staffel und eine Silbermedaille - wie 1924 in Paris - über 200 m. Am 18. Juni 1921 vollbrachte er eine Wundertat, nachdem er zuvor den 100-m-Weltrekord auf 10,4 geschraubt hatte. Hier in Pasadena, wo später die Wurfweltrekorde nur so purzelten, startete Charly über die ungewohnte Distanz con 110 Yards, das sind genau 100,58 m. Der amerikanische „Express" raste in 10,2 Sekunden über die Piste, doch wurde dieser sagenhafte Weltrekord niemals anerkannt. Paddock lief einfach zu schnell, und - die Strecke war eben 58 Zentimeter zu lang! Einfach lächerlich, einen Mann mit diesen Argumenten um einen Weltrekord zu betrügen, den erst 15 Jahre später Jesse Owens realisierte. Paddock war auch der Erdinder des so genannten Tigersprunges, dem Zielband entgegen. Er lief zehn Weltrekorde, nahm noch 1928 an den Olympischen Spielen teil, allerdings ohne Erfolg, teil und fiel im zweiten Weltkrieg, als sein Flugzeug 1943 auf einer Aleuteninsel abstürzte. Er, der über 200 m auch als erster Mensch unter 21,0 Sekunden blieb (20,8), wurde übrigens am 6. August 1924 von einem gewissen Hubert Houben in Berlin besiegt, jenem Houben, der von 1921 bis 1924 sieben deutsche Meisterschaften gewann und am 24. Juni 1924 den 100-y-Weltrekord von Paddock auf 9,5 Sekunden verbesserte. Doch wurde diese Zeit von Kopenhagen niemals anerkannt. Es war Pech von Houben, dass Deutschland bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris wegen des 1. Weltkrieges noch abseits stehen musste. Er hätte sicherlich eine Sprintmedaille gewonnen. Enthusiastisch feierten ihn die Amerikaner bei seinen Hallenrennen in den USA. Er war der start schnellste Mann, der als 30jähriger noch in der 4 x 100-m-Staffel 1928 in Amsterdam zu einer Silbermedaille kam. Beinahe wäre es Gold geworden, wenn nicht Schlussläufer Körnig zu schnell davon gestoben wäre, so dass die Stabübergabe völlig misslang.
In Abwesenheit von Houben hatten die Amerikaner dennoch in Paris 1924 einen schweren Stand. Ja es gab lange Gesichter, als der schlanke, hagere Brite Harold Abrahams das 100-m-Rennen in 10,6 Sekunden gewann. Wer hätte das gedacht? Ein Europäer besiegt die Asse aus Übersee. Hellste Aufregung gab es zwei Jahre später in Leipzig, als der junge Helmut Körnig bei den deutschen Meisterschaften den 100-m-Wetrekord auf 10,3 Sekunden verbesserte. Es herrschte zwar Rückenwind, den der amerikanische Cheftrainer Robertson mit Hilfe eines Taschetuchs(!) feststellte. Doch daran scheiterte die Anerkennung nicht. Vielmehr wurde damals ein Rekord nur anerkannt, wenn er um mindestens zwei Zehntelsekunden verbessert wurde. So ging Helmut Körnig in die Rekordlisten nur mit einer Zeit von 10,4 ein. Dieser junge Mann mit dem Schnurrbart, später Direktor der Westfalenhalle in Dortmund, lief 1928 über 200 m mit 20,9 (600-m- Piste in Berlin) neuen Europarekord, den erst Heinz Fütterer 26 Jahre später in Japan auf 20,8 drückte. Körnig war der große deutsche Mann im Sprint, der bei den Olympischen Spielen in Amsterdam den Amerikanern zumindest über 200 m Paroli bieten sollte. Der für SC Charlottenburg startende, hochbegabte Läufer verlor jedoch Gold und Silber and den jungen kanadischen Außenseiter Percy Williams und den Briten Rangeley und musste sich mit der Bronzemedaille begnügen. Dieser Williams räumte mächtig auf und bereitete den Amerikaner ein Trauma im Sprint, da er auch den 100-m-Lauf gewann und 1930 schließlich als erster der Erde 100m regulär in 10,3 Sekunden bewältigte. Es war ein schwarzer Tag für die Amerikaner 1928 in Amsterdam, die in den Einzelläufen keine einzige Medaille erringen konnten und die Staffel nur mit Glück gegen die Deutschen gewannen. Zur Verblüffung aller holte sich der Oldenburger Turner Lammers die Bronzemedaille über 100 m.
Hier in Amsterdam zeigte es sich - wie 1960 in Rom -, dass die Amerikaner auch nur mit Wasser kochen.
Siehe nächste Folge.
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